Strohhalm Regensburg Obdachlose Arme Menschen
Strohhalm Regensburg Obdachlose Arme Menschen
Strohhalm Regensburg Obdachlose Arme Menschen

WEIHNACHTEN 2010

Von Aniko Ligeti (Text und Fotos)
Was soll ich Ihnen erzählen? Dass es wunderbar nach frischen Bratwürsteln und schmackhaftem Sauerkraut geduftet hat? Dass ein zimtiger Duft von Apfelpunsch, natürlich ohne Alkohol, in der Luft lag? Oder dass die Plätzchen auf den weihnachtlich gedeckten Tischen kaum für alle reichten?

Nein, ich erzähle Ihnen lieber, wie über 60 zum Teil fremde Menschen in einem einzigen Raum zusammen kamen, um gemeinsam ein Fest der Achtung zu feiern, ein Fest, um der Einsamkeit zu entrinnen, und ein Fest, um einmal allen Schmerz, alles Leid und das eigene Schicksal wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen …

Weihnachten Strohhalm

Ich erzähle Ihnen, wie die Menschen nach der Feier in der Caritas die Wärme im Strohhalm suchten, wie sie sich erst schweigend, dann mit einer gewissen Trauer und Einsamkeit, vielleicht auch mit einer gewissen Scham zusammen auf die Bänke um die Tische drängten. Wie sie anfangs schweigend die Teller randvoll mit Bratwürstchen, Sauerkraut und Kipferln entgegennahmen. „Wir bekommen heute das Essen serviert. Wir werden richtig bedient und uns fragt keiner, ob wir es auch verdient haben, ob wir arm oder reich, gesund oder krank sind“, sagt einer und berichtet davon, sich kein Essen in einem Restaurant leisten zu können. „Da wird man eh nur schief angschaut, so nach dem Motto, was will denn der da? Hat der überhaupt genug Geld dabei?“ Seine Tischnachbarin nickt wissend. „Es tut mir weh“, sagt sie, „dass die Gesellschaft so auf uns herab sieht. Die wissen doch gar nicht, was wir alles schon mitgemacht haben.“

Weihnachten Strohhalm

Alle am Tisch wissen, dass erst kürzlich ihr Mann verstorben ist und sie alleine für sich und ihre zwei Kinder aufkommen muss. „Das Geld reicht eben hinten und vorne nicht“, sagt sie bekümmert. Das Eis ist gebrochen und ein kleiner Redefluss entsteht. Tatjana, 36 Jahre jung und seit vielen Jahren Stammgast im Strohhalm, auch an Heiligabend, weil ihre Familie diesen Tag nicht mit ihr feiert, wünscht sich mehr Toleranz und Respekt von der Gesellschaft und betont: „Es ist immer noch nicht genug. Es gibt so viele Menschen hier, die in Not geraten sind, warum auch immer. Und wir brauchen Hilfe. Nicht nur durch Geldspenden sondern durch Unterstützung, durch ein aufbauendes und liebes Wort.“ Dem kann sich Pfarrer Hans Bock nur anschließen, als er an diesem Abend in seiner kleinen Ansprache davon berichtet, dass alle Menschen freundlich, hilfsbereit und nett zueinander sein können. „Es ist wichtig einander anzunehmen, egal wo und wer wir sind“, so Bock und ein wenig später geht er selbst mit guten Beispiel voran und fährt bei Schneetreiben einen jungen Mann ins Bezirksklinikum, dem es mitten unter der Weihnachtsfeier plötzlich nicht so gut geht.

Weihnachten StrohhalmJulian, der an diesem Abend für den musikalischen Rahmen sorgt, fängt die Stimmung auf. Kurzer Hand holt er seine Gitarre und stimmt ein Weihnachtslied an. Gabi, Lehrerin und an diesem Abend ehrenamtlich zum Helfen im Strohhalm, summt mit und bald darauf der ganze Raum. Eine heimelige Stimmung breitet sich wie ein warmer Teppich aus. Jeder summt oder singt mit, hängt seinen Gedanken hinterher. Den Kinder, die mit ihren Familien gekommen sind, gefällt das besonders gut. Und sie fordern den 27-jährigen angehenden Gymnasiallehrer immer wieder zu neuen Stücken auf. Maxi, ein achtjähriges Mädchen, ist ganz begeistert und als ein wenig später auch noch Besuch von Peter Aumer (Mitglied des Bundestags) kommt, ist die Schülerin ganz aus dem Häuschen. An diesem Abend weicht sie keinen Schritt von seiner Seite und Aumer genießt seine knusprigen Bratwürstchen am Tisch der Familie. Heuer hätten sie aus Geldmangel die Wohnung nicht weihnachtlich schmücken können, erklärt die Familie, und sie seien froh, hier im Strohhalm Anschluss gefunden zu haben. An diesem Abend werden sie und ihre drei Kinder, wie auch all die anderen Anwesenden, noch mit Weihnachtspäckchen und Gaben reich beschenkt. Die Freude steht dabei jedem ins Gesicht geschrieben. Und sogar der Hund, der draußen auf sein Herrchen warten muss, bekommt eine Kleinigkeit zum Naschen. „Es menschelt und das ist gut so“, sagt Josef Troidl (Leiter des Strohhalms) und gesellt sich zu seinen Schützlingen. Wie lange er das Projekt noch machen kann, weiß er nicht. „Noch recht lange“ hoffen da alle. „Wer weiß“, Troidl zuckt mit den Achseln. „Wo sollen wir dann hin?“ wirft Werner leise in die Runde. „Wohin dann mit uns?“ Betretenes Schweigen.

Weihnachten Strohhalm

Definitiv gibt es in Regensburg keine vergleichbare Anlaufstelle für die Ärmsten der Armen. Kein soziales Netzwerk, das einen fängt und hält, wenn man eh schon ganz weit unten ist. „Der Strohhalm ist für uns ein wichtiger Stützpunkt, ein Halt. Hier kriegen wir Essen, können duschen und uns bei Bedarf kostenlos Kleidung drüben in der Kammer aussuchen. Hier finde ich Freunde und Gleichgesinnte. Hier hört jemand zu. Ich bin nicht mehr ganz so einsam“, meint Sven, der auf der Straße lebt. Manchmal geht er zum Schlafen in das Obdachlosenheim in der Taunusstraße. Nur nicht heute an diesem Abend, weil er zum einen mit seiner „Strohhalmfamilie“ feiern möchte, und zum anderen, weil dort ab 21 Uhr kein Einlass mehr gewährt wird. „Wer zu spät kommt, muss eben draußen bleiben“, sagt er mit einem resignierten Blick. Dann bleibe der Platz auf der Parkbank oder unter einer Brücke. Kaum vorzustellen bei den eisigen Temperaturen. Derzeit leben in Regensburg sieben Menschen auf der Straße, Männer wie Frauen. An diesem Abend sind einige von ihnen im Warmen und gut versorgt. Aber eben nur an diesem Abend. „Die Not ist groß und das Leid und Elend werden noch größer“, sagt ein Ehrenamtlicher. Zwei Tische, die eigentlich für die Senioren reserviert waren, blieben unbesetzt. „Ob es am schlechten Wetter liegt, weiß ich nicht, aber es ist sehr traurig, wenn ich mir vorstelle, wie diese älteren Menschen jetzt ganz allein Weihnachten verbringen müssen“, meint Troidl. Aber dafür haben er und seine ehrenamtlichen Mitarbeiter 60 anderen Menschen ein Stück Licht in die Dunkelheit gebracht und ein wahres Fest der Liebe und des Gebens realisiert.

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